Evil – Buch von Jack Ketchum

Evil - Buchcover

Ein Schlag in die Magengrube

Ich sah den gleichnamigen schwedischen Film (auch recht klasse, hat aber nichts mit dem beschriebenen Buch zu tun) und suchte danach auf Amazon. Dabei geriet ich auf die Buchkritik von “Evil” und die Leserkommentare machten mich neugierig. Etwas peinlich ist mir, dass das wohl auch mit meinem Faible für extrem gewalttätige Filme zu tun hat.

Alles fängt ganz harmlos an: Daniel wohnt auf dem Dorf im Amerika der fünfziger Jahre. Er erzählt vom recht idyllischen Kinderleben. Es gibt zwar ein paar verrückte Nachbarskinder, doch eigentlich läuft alles ganz normal. Bis im Nachbarhaus zwei Waisen aufgenommen werden, Meg und ihre Schwester, die bei einem Unfall ihre Eltern verloren haben. Die aussergewöhnlich hübsche und lebensfrohe fünfzehnjährige Meg fällt auf im Dorf, und Daniel verliebt sich sofort in sie, auch wenn ihm das anfangs nicht bewusst ist.

Die zwei Gesichter der Ruth

In ihrer Pflegemutter Ruth aber scheint Meg einen komplett falschen Schalter umgelegt zu haben. Aus Gründen, die erst im Verlauf der Geschichte schemenhaft klar werden, hasst Ruth Meg. Was zunächst als die lieblose Behandlung von ungebetenen Pflegekindern beginnt, steigert sich langsam immer weiter. Die Fassade der ach so toleranten Ruth bekommt Risse und der Leser Angst.

Ich will nicht zuviel verraten, doch man kennt den groben Plot sowieso in anderen Buchkritiken. Und selbst wenn man genau weiss, was passieren wird, ist es immer noch böse schockierend. Am Ende befindet sich Meg im Keller des Hauses und man kann sich denken, was Ruth ihr antut. Und nicht nur sie: Ihre Kinder und auch viele Nachbarkinder machen mit. Unvorstellbar? Auch wenn das ein oft missbrauchtes Label ist: das Buch beruht auf einer wahren Geschichte.

Ach, kennen wir doch, Saw, Hostel, wohl ein Autor, der auf die Welle der Gewaltpornos aufspringen will, ist die instinktive Reaktion. Weit gefehlt. Sehr weit. Ist dies eine Horrorgeschichte? Eigentlich nicht. Es geht um etwas anderes.

Durch den Ich-Erzähler Daniel bekommt die Geschichte eine sehr ungewöhnliche Perspektive. Es geht um seine Mitschuld, die ihn auch dreissig Jahre später nicht ruhig schlafen lässt. Auch geht es um beginnende Pubertät, darum, dass sexuelle Energien auch etwas Gewalttätiges haben, um die Faszination von Gewalt und Macht.

Das Buch tut weh

Das, was alle Rezensenten schrieben, trat tatsächlich auch bei mir ein: mir war nach Lesen des Buches noch drei Tage schlecht. Man fühlt sich mitschuldig, bekommt eine Vorstellung davon, wie es ist, wenn in der Nachbarschaft so etwas wirklich passiert, wie sich ein Mensch fühlt, dem es passiert. Es ist alles erschreckend real. Immer wieder gibt es Passagen, in der die Kinder Meg helfen wollen, in der das Tempo verlangsamt wird und scheinbar ins Normale zurückbringt. Nur um dann in sinnloser Gnadenlosigkeit die Schraube weiter anzuziehen.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Ton des Filmes hat “Funny Games” von Michael Haneke. Wer diesen Film mochte (obwohl, mögen kann man sowas nicht), der sollte “Evil” lesen. (nicht das Vorwort von Stephen King lesen, er verrät die komplette Geschichte).